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"Pöse Puben"


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Das Buch von einem der beiden Autoren von "Bettgeflüster".

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Adventskalender

24. Dezember – Heiligabend

,,Guten Tag“, sagte sie plötzlich, und der kleine Drache erwiderte aufgeregt ,,Hallo!“. ,,Es war schön, wie du getanzt hast“, meinte die Katze. ,,Oh“, der kleine Drache errötete leicht, ,,du hast es gesehen?“ – ,,Hm, es war nett, dir zuzusehen. Aber warum setzt du dich eigentlich nicht?“ Immer noch verwirrt kratzte sich der Drache wieder einmal am Kopf, setzte sich schließlich neben die Katze und fragte etwas zusammenhanglos: ,,Hast du eigentlich keine Angst vor mir?“ – ,,Nö“, sagte die Katze, ,,warum sollte ich denn?“ – ,,Aber bisher haben alle vor mir Angst gehabt, weil ich ein Drache bin…“ – ,,Mag ja sein“, und dem kleinen Drachen war es, als huschte ein Lächeln über ihr Gesicht, ,,aber Drachen sind schließlich auch nur Tiere – und vielleicht haben dich die Anderen nie tanzen gesehen?“

Der kleine Drache schaute ziemlich überrascht – woher wusste die Katze das? ,,Ich weiß es nicht, aber es liegt als Erklärung doch ziemlich nahe, findest du nicht?“ Doch, als der kleine Drache darüber nachdachte, musste sie zugeben, dass die Katze vielleicht nicht unrecht hatte…

Sie schaute die Katze an – und je länger sie sie ansah, um so wärmer wurde ihr ums Herz. Irgendwas kribbelte da ganz komisch in ihrem Bauch. Sie wollte sie gern in ihrer Nähe haben, ihre Stimme hören, sie immerzu ansehen. Zögernd tastete sich ihre Pfote zu der kleinen Katze hinunter, um auf halbem Weg wieder anzuhalten. Nein, sie traute sich nicht – und hätte doch so gerne ihr Fell gestreichelt. Die Katze hatte die Bewegung gespürt, ging aber taktvoller Weise nicht darauf ein. ,,Du“, sagte sie, ,,ich glaube, du bist nicht unrecht – was hast du denn so vor?“ – ,,Was ich vorhabe?“, der kleine Drache glaubte, nicht recht verstanden zu haben, ,,ich bin unterwegs – auf dem Weg zu meinem Traum…“ – ,,Hm“, machte die Katze, ,,dann geht’s dir so wie mir – sag, hast du Lust, ein Stück Weg miteinander zu gehen?“ Der Drache war mit dieser direkten Anfrage und dem verlockenden Angebot im Moment doch leicht überfordert: ,,Ja, wenn du meinst…“ – ,,Willst du oder willst du nicht?“ fragte die Katze zurück, und ,,versprechen kann und mag ich dir überhaupt nichts – aber probieren können wir es ja einmal als Weggefährten miteinander, oder?“

Der kleine Drache war überrascht von all dem, was da plötzlich auf sie zukam. Und in ihrer Verwirrung suchte sie ein wenig Halt an dem, was wohl nie falsch war: ,,Übrigens, ich heiße ,hab-mich-lieb’“, stellte sie sich vor. ,,Tu ich schon“, grinste die Katze frech zurück, ,,ich heiße Ferdinand.“

Und unser kleiner, großer, schrecklich – dreinguckender Drache war schlichtweg verdattert. Sie ahnte, dass der Weg, der vor ihr lag, wohl noch ziemlich spannend und aufregend werden würde. Na gut – warum eigentlich nicht?

,,Ja“, sagte sie nachdenklich zu dem Kater, ,,ja, ich mag mit dir gehen…“ Der Kater nickte, griff nach seinem Rucksack, warf ihn sich über die Schulter und sagte: ,,also, was hält uns hier noch?“

Und so wanderten die Beiden los, der untergehenden Sonne entgegen…

23. Dezember

Was hatte Moya gesagt? ,,Wenn du die Melodie hörst, dann tanz… ob du traurig oder glücklich bist, tanz… gib dich der Melodie hin… warte nicht auf andere, die mit dir tanzen, vielleicht ist die Melodie vorbei, bis du sie gefunden hast… tanz, auch, wenn du ganz allein bist, wenn niemand mit dir tanzt… kümmere dich nicht darum, was die Anderen sagen oder denken mögen – kann sein, dass sie dich nicht verstehen, dich auslachen, weil sie die Melodie nicht hören… du aber tanz, sei, werde Melodie…“

Und der kleine Drache tanzte… sie wiegte sich zärtlich hin und her, streichelte die Luft, sie tanzte. Diese Melodie im Herzen setzte ihr die Pfoten auf den Boden, ganz behutsam, als wolle sie die Melodie nicht verjagen – aber je mehr sie selbst Melodie wurde, umso lebendiger wurden ihre Bewegungen, umso wilder ihr Stampfen – um wieder zu einem sanften Wiegen zu werden.

Schön, dachte der kleine Drache, einfach schön. Und momentelang fühlte sie ,,ja, das ist es…“ – dieses Einssein mit der Melodie, das war es, wonach sie sich im innersten ihres Herzens gesehnt hatte… Leise verklang die Melodie – und die Verzauberung löste sich behutsam von dem kleinen Drachen… Sie stand da, mitten im Wald, die Vorderpfoten weit ausgebreitet, als wolle sie das Leben umarmen – und war zutiefst glücklich… Einen Herzschlag lang war sie am Ziel ihrer Sehnsucht angelangt – und wusste doch gleichzeitig, dass dies nicht ,,angekommen – sein“ hieß, sondern neues ,,unterwegs – sein“. Aber es ist gut so, dachte sie. Es lässt sich nicht festhalten, es ist nichts, das ich besitzen kann – sondern das ist diese brennende Sehnsucht im Herzen… und eine Melodie, die unverhofft erklingt…

Der kleine Drache drehte sich langsam um und ging zu dem Baum zurück, unter dem sie gelegen hatte – plötzlich stutzte sie… da saß doch etwas… ja, da saß ein kleines schwarz-weißes Etwas und guckte sie an. Sie näherte sich vorsichtig, hielt die Luft an… doch, es war die kleine Katze aus ihrem Traum, von der Moya gesagt hatte, sie würde vielleicht kommen, wenn die Zeit da sei…

Vorsichtig, Schritt für Schritt ging sie näher – voll Angst, die Katze würde aufspringen und davonlaufen… aber sie blieb sitzen, ihre Augen voll Interesse auf den Drachen gerichtet.

22. Dezember

,,Ich möchte dich ,Hab-mich-lieb’ nennen“, sagte Moya ernst. ,,Und dieser Name soll dich daran erinnern, dass Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart gelebt werden müssen. Er hat mehrere Bedeutungen, dieser Name, und er ist nicht einfach zu leben. Versuche es…“

Moya schwieg einen Moment, dann sagte er: ,,Ich möchte dir gerne sagen, was ich mit diesem Namen verbinde – nimm es als mein Abschiedsgeschenk mit auf deinen Weg. Du warst ein Drache, die zu anderen sagen wollte, ,habt mich doch lieb’, um wiedergeliebt zu werden. Vergiss nicht, woher du kommst, das ist wichtig. Dein Traum erzählt von der Zukunft – die Katze, der du vielleicht begegnen wirst und die zu dir sagt ,ich hab dich lieb’, dein Traum von Liebe, Verstehen, Geborgenheit. Ich wünsch dir, dass sich dein Traum erfüllt – wenn er sich erfüllen soll. Verrate deine Träume nicht… Und nicht zuletzt – ,ich hab mich lieb’…vielleicht Leitspruch für deinen zukünftigen Weg. Werde die, die du sein willst… nicht die, wie dich andere gerne hätten. Hab dich selbst ein wenig lieb – dann werden dich auch die Anderen mögen…“

Moya sah den Drachen liebevoll an und fügte noch hinzu: ,,Und wenn du mal einen Freund brauchst – ich bin für dich da. Aber vergiss nicht, ich kann deinen Weg nicht gehen…“ Dem kleinen Drachen war ganz seltsam zumute, sie hätte es nicht beschreiben können, was alles in ihr war… so tat sie kurzentschlossen etwas, was sie noch nie in ihrem Drachenleben getan hatte – sie schlang ihre Pfoten um Moya und drückte ihn fest an sich. ,,Halt“, keuchte Moya, ,,du erdrückst mich ja…“. Na ja, sie hatte halt wenig Übung darin… und nur mühsam knoteten die Beiden sich wieder auseinander. Als sie sich ansahen, lachten sie laut – und sie fühlten, es war gut so… ,,Hab-mich-lieb“ seufzte und sagte leise ,,mach’s gut, Moya – und danke…“ Moya sah sie liebevoll an ,,Freund…“

Entschlossen wandte sich ,,Hab-mich-lieb“ ab und lief langsam dem Wald entgegen. Dort drehte sie sich noch einmal um und winkte so Moya hinüber – und der kleine Mann vor seiner Hütte hob grüßend die Hand. Der kleine Drache schritt in den Wald hinein. Sie atmete die würzige Waldluft tief ein und irgendwie – es war auch gut, wieder unterwegs zu sein. Die Traurigkeit in ihrem Herzen wich allmählich der Neugier und der Spannung, was wohl alles auf sie zukommen würde… Dankbarkeit erfüllte sie… dass es solche Zauberer wie Moya gab… und – ,,Freund“ hatte er zum Abschied gesagt. ,,Hab-mich-lieb“ war stolz darauf – sie wusste, Moya ging mit diesem kostbaren Wort nicht leichtfertig um…

Gegen Mittag wurde der kleine Drache müde und hungrig. Zeit zum Rasten, dachte sie, und suchte sich ein schönes Plätzchen. Dann legte sie sich gemütlich auf den Rücken, verschränkte die Pfoten unter dem Kopf und sah, eigentlich ganz vergnügt, in den weiten Himmel hinein. Und unmerklich fielen ihr die Augen zu…

Der kleine Drache erwachte, als die Sonne sich schon gen Abend neigte – und, mit einem Schlag hellwach, spitzte sie die Ohren. Da war doch was… ja, eine Melodie lag in der Luft… eine schöne, sanfte Melodie, ein wenig melancholisch und doch voller Lebensfreude…

21. Dezember

Moya sah den Drachen an, die müde vom Nachdenken war. „Ich weiß“, sagte er, „dass ich dir viel zumute. Du wirst nicht alles sofort verstehen. Aber das macht nichts. Deine Wunde hat auch Zeit gebraucht, um zu heilen, nimm dir selbst auch die Zeit, die du für dich brauchst. Und“, fügte er noch hinzu, „gib auch deiner Katze Zeit. Dräng sie nicht – vielleicht wird sie eines Tages da sein…“. Moya hielt einen Moment inne, dann sagte er sehr ernst: „Eines Tages wirst du die Melodie hören… und dann tanzt du. Ob du traurig oder glücklich bist, tanz. Warte nicht erst, bis andere mit dir tanzen, bis dahin könnte die Melodie vorbei sein.

Sei du Melodie – tanz… .“

Der kleine Drache verstand den Zauberer nicht ganz, aber sie ahnte, dass diese Melodie etwas Wichtiges war… . „So“, sagte Moya entschieden… „für heute habe ich nun wirklich genug geredet. Du siehst schon richtig mitgenommen aus. Komm, wir machen einen schönen Spaziergang, das bringt die Gedanken vielleicht ein wenig in Ruhe. Und“, er lachte verschmitzt, „ich weiß eine Stelle, wo ganz viele Waldbeeren wachsen…“

Schweigend gingen sie los – es war ein gutes Schweigen, gefüllt mit Nähe…

Der kleine Drache war froh, als sie an dem Abend in ihr Heulager kriechen konnte. Es war ein anstrengender Tag für sie gewesen – aber sie hatte das Gefühl, auch einiges von diesem Leben verstanden zu haben. Moya war schon so ein Zauberer…

Sicher, viele neue Fragen waren plötzlich da, andere waren immer noch unbeantwortet – aber jetzt half Nachdenken allein nicht mehr viel. Das, was sie jetzt kapiert hatte, musste ausprobiert und gelebt werden… dann würde man weitersehen.

Das Herz wurde ihr schwer – das hieß Abschied von Moya…

Aber sie wusste, sie konnte nicht hier bleiben, sie musste ihren Traum suchen – noch war ihr Ziel nicht erreicht.

Sie spürte plötzlich Kraft in sich – ja, sie würde wieder aufbrechen. Und bei diesem Entschluss war sie traurig und gespannt zugleich – verrücktes Leben…

Beim Frühstück erzählte sie Moya von Ihrem Entschluss. Er schaute sie nachdenklich an und meinte: „ Ich glaube, das ist gut so… Lebe das Leben – du bist auf dem richtigen Weg…“.

Die beiden schauten sich schweigend an und mussten plötzlich schmunzeln. ,,Es war gut, dich getroffen zu haben, Moya“, sagte der kleine Drache. ,,Ohne dich hätte ich wohl aufgegeben…“ – ,,Ach“, sagte Moya, ,,das glaubst du doch wohl selbst nicht – da muss es schon dicker kommen, bevor du aufgibst…“ Der kleine Drache stand auf: ,,Ich glaub, ich geh jetzt…“ – ,,Warte“, sagte Moya, ,,ich möchte dir gerne auf deinen Weg etwas mitgeben.“ Der Drache schaute neugierig – aber Moyas Hände waren leer, und er machte auch keine Anstalten aufzustehen. ,,Du bist mein Freund geworden“, sagte Moya ernst. ,,Freunde – das ist etwas sehr Schönes und Kostbares. Für mich bist du nicht mehr irgendein kleiner Drache, sondern mich verbindet viel mit dir. Ich werde dich nicht mehr vergessen – und deshalb möchte ich dir gerne einen Namen geben. Er soll dich daran erinnern, dass du einzig auf der Welt bist – es gibt viele Drachen, aber nur einmal so etwas wie dich…“, Moya schmunzelte bei diesem Gedanken und fuhr fort: ,,Ich würde mich freuen, wenn du den Namen annehmen würdest…“

Der kleine Drache wackelte vor Überraschung mit den Ohren (sie hatte gar nicht gewusst, dass sie das konnte…) Und wartete gespannt darauf, dass Moya weitersprach.

20. Dezember

Moya wusste sofort, was der kleine Drache meinte. ,,Ganz einfach – dir bleibt in diesem Punkt gar nicht viel anderes übrig. Dir selbst vorzumachen, dass du kein Drache seiest, bringt dich nicht weiter.“ – ,,Aber ich will doch gar nicht so wie die anderen Drachen sein!“ – ,,Das brauchst du ja auch nicht ,“ beruhigte sie Moya. ,,Es gibt einen Unterschied zwischen dem, wie andere meinen, dass du als Drache zu sein hast – und dem, wie du als Drache sein willst. Aber du kannst nicht deine Haut ausziehen und plötzlich Schmetterling oder Eichhörnchen sein.“

Der kleine Drache hörte aufmerksam zu. ,,Schau“, sagte Moya, ,,man hat von Drachen nun mal ein ganz bestimmtes Bild – sie jagen Angst ein. Deshalb werden sich die meisten, denen du begegnest, vor dir fürchten. Und da kannst du zehnmal erklären, dass du ganz anders bist, sie werden dir nicht glauben. Das gehört zur Wirklichkeit, die du auch sehen musst. Wenn du versuchst, so zu tun, als ob du kein Drache seiest – denk nur an deine Erlebnisse mit den Tieren und dem Hirsch – dann wirst du damit auf Dauer keinen Erfolg haben. Du kannst keine andere sein – du musst du selbst werden. Und deshalb habe ich vorhin gesagt, dass du lernen musst, Drache zu sein…“

,,Ja aber – darf ich denn als Drache auch lieb sein?“ – ,,Klar“, sagte Moya, ,,niemand kann dir vorschreiben, wie du zu sein hast. Und wenn du lieb sein möchtest, dann sei lieb – wenn es das ist, was du im Moment sein möchtest. Allerdings, du musst dich darauf gefasst machen, dass viele dich dann überhaupt nicht mehr verstehen werden, weil du ihrem Bild von einem Drachen nicht entsprichst. Das macht sie unsicher, verstehst du – und sie werden dich dann noch viel weniger mögen. Überhaupt“, fuhr Moya fort, ,,schlag es dir aus dem Kopf, von allen geliebt und gemocht zu werden.“ – ,,Warum denn?“ – ,,Kannst du dir einen Drachen vorstellen, die sowohl von deinem Drachenchef als auch von deiner Katze geliebt wird?“ – ,,Nein“, sagte der kleine Drache entschieden, ,,das geht nicht!“ – ,,Siehst du – sie wollen von dir etwas so Verschiedenes, dass du es nie beiden recht machen kannst. Immer wirst du jemanden enttäuschen müssen, wenn nicht sogar beide…“ – ,,Auch die Katze?“, fragte der Drache traurig? Moya bekräftigte: ,,Ja, möglicherweise auch mal die Katze. Siehst du die Sonnenblume dort drüben?“ – Dem kleinen Drachen war sie am Morgen schon aufgefallen.

,,Sie blüht herrlich, nicht wahr? Aber sie blüht für niemanden, nicht für dich, nicht für mich. Sie selbst will Sonnenblume sein und gibt dafür das Beste, was sie kann. Wollte sie Rose oder Gänseblümchen sein, weil andere es vielleicht so lieber sähen, ginge das bestimmt schief. So aber dreht sie sich nach niemandem außer der Sonne – und das macht sie so schön stark und groß.“ Der kleine Drache starrte die Sonnenblume an – ob sie Moya wohl richtig verstand? Was hieß es denn, sich nach niemandem zu drehen, sie selbst zu werden? Wer war sie denn? ,,Wer bist du?“, Moya hatte wieder einmal ihre Gedanken erraten. ,,Es wäre schlimm, wenn du darauf für immer und ewig eine feste Antwort hättest. Leben heißt auch Veränderung, heißt Wachsen, Weitergehen. Es kann sein, dass sich deine Antwort auf diese Frage von Tag zu Tag ändert – und oft genug wirst du keine Antwort darauf haben. Lass dich davon nicht verwirren und hab keine Angst davor. Aber – find dich auch nicht einfach damit ab. Suche dich selbst – und wenn du dich ab und an einmal finden kannst, dich selbst erkennst, dann freu dich um so mehr darüber. Wenn du dich selbst nicht magst, wie sollen dich dann die anderen mögen, die dich ja noch weniger kennen, als du selbst?“

19. Dezember

Moya hatte aufmerksam zugehört und stellte nun die Salatschüssel an die Seite. Dann sagte er behutsam: ,,Meinst du wirklich, es wäre gut, wenn du hier bleiben würdest? Schau, ich bin ein besonderer Zauberer – ein ,,Lebendig – Zauberer“, ich versuche, dem Leben zu helfen, dass es lebendig werden kann. Manche verstehen das falsch, die meinen, ich könnte ihnen ihr Leben herbeizaubern. Aber das geht nicht. Lebendig sein, das muss jeder ganz alleine. Das kann ich niemandem abnehmen, auch dir nicht. Ich kann vielleicht die Sehnsucht nach dem Leben in ihnen wecken, oder solche wie dich, die sich schon auf den Weg gemacht haben, in ihrer Sehnsucht bestärken. Möglicherweise kann ich auch die eine oder andere Erfahrung, die du auf dem Weg gemacht hast, deuten, dir sagen, was ich dazu denke – gehen aber musst du ganz alleine…“

Der kleine Drache schluckte, sie spürte, dass sie nicht hier bleiben konnte. Die kleine Katze kam ihr wieder in den Sinn. ,,Moya, was ist mit meinem Traum – und mit der Katze, werde ich sie finden?“ – ,,Träumen, das ist ganz, ganz wichtig – und ich wünsch dir, dass du es nie vergisst, das Träumen. Dein Traum hat dir die Kraft gegeben, dich auf den Weg zu machen. Du bist aufgebrochen, mit Sehnsucht im Herzen, weil du um das Ziel ahntest. Durch dieses Ziel hat sich dein Weg bestimmt – auch wenn nicht sicher ist, ob du dieses Ziel jemals erreichen wirst. Deshalb wäre es zwar schön, wenn du hier bleiben könntest – aber es wäre nicht das Ziel. Du würdest damit deinen Traum aufgeben…“ Der kleine Drache nickte, nachdenklich – ja, Moya hatte recht, hier bleiben hieße, ihren Traum zu verraten.

Etwas anderes beschäftigte sie noch: ,,Du, wie hast du das eben mit dem Ziel und dem Erreichen gemeint?“ Moya sah sie an: ,,Der Weg zu diesem Ziel ist nicht einfach, das habe ich ja heute Morgen schon gesagt. Es ist die Kunst, Vergangenheit und Zukunft in der Gegenwart zu leben. Schau, da ist dein Traum, vielleicht als Verheißung für die Zukunft – und da ist deine Vergangenheit, deine Erfahrungen, deine Verletzungen, all das, was du bisher gelernt oder auch noch nicht gelernt hast. Beides beeinflusst deine Gegenwart. Dazu kommt Verschiedenes, an dem du nichts ändern kannst – zum Beispiel an der Tatsache, dass du ein Drache bist. Es gibt Dinge in dir und um dich herum, die neben deinem Traum und deiner Vergangenheit auch noch deinen Weg mitbestimmen. Und deswegen wirst du lernen müssen, als Drache zu leben“.

Der kleine Drache schaute schon wieder ziemlich verständnislos – manchmal waren Moyas Gedanken doch anstrengend. Als Moya das merkte, fragte er nur noch: ,,Magst du dich eigentlich?“ Damit wendete er sich wieder dem Salat zu – blickte den kleinen Drachen noch einmal über die Schulter, schaute sie liebevoll an und meinte: ,, Wenn du Lust hast, kannst du die Pilze putzen…“

Das Mittagessen schmeckte hervorragend – Moya war wohl nicht nur ein guter Zauberer, sondern mindestens ein genauso guter Koch. Der kleine Drache langte kräftig zu, und Moya freute sich darüber. Faul saßen sie anschließend vor der Hütte, Moya hatte sich eine Pfeife angesteckt, und freuten sich des Lebens.

Den kleinen Drachen beschäftigte immer noch das Gespräch von vorhin. Ob sie sich mochte? Darüber hatte sie noch nie nachgedacht. Und was hatte Moya wohl damit gemeint, sie müsse lernen, Drache zu sein? Schließlich hielt sie es nicht mehr aus. ,,Du, Moya, wieso hast du das vorhin gesagt?“

18. Dezember

Der kleine Drache kratze sich am Kopf, traute sich aber schließlich doch, ihre Frage zu stellen; ,,Wie macht man das denn nun – leben?“ Moya sah sie liebevoll an. ,,Du tust es schon längst…“ – ,,Wie bitte?“, der kleine Drache glaubte, nicht recht gehört zu haben… ,,Ja“, wiederholte Moya, ich mein schon, was ich gesagt habe… du tust es bereits…“ – ,,Wieso???“ – ,,Du hast dich getraut, der Sehnsucht und den Träumen einen Platz in deinem Herzen zu geben, du hast deine Einsamkeit gespürt, du hast dir eingestanden, dass du Angst hast, du hast anderen vertraut und konntest staunen, du hast die scheinbare Sicherheit aufgegeben, du hast dich verwunden lassen und hast geweint. Du hast tiefer gehen und höher fliegen wollen, das ist doch Leben – auch, wenn du dabei deinem Ziel vielleicht noch nicht näher gekommen bist. Aber möglicherweise ist das Unterwegs – sein wichtiger als das Angekommen – sein…“ Der kleine Drache war verblüfft… ihre Suche nach dem Traum nahm durch Moya eine Wendung, die überraschend für sie war…

Moya spürte, was in dem Drachen vorging, und wusste, jedes Wort mehr wäre ein Wort zuviel gewesen. So stand er auf, holte einen Korb und ein Messer aus der Hütte, drückte beides dem Drachen in die Pfoten und sagte: ,,So, genug für heute Vormittag – was hältst du davon, ein paar Pilze fürs Mittagessen zu suchen?“ Der kleine Drache nickte, immer noch verwirrt von dem vielen, was sie da eben gehört hatte und blieb am Tisch sitzen. Moya schmunzelte vor sich hin und trug das Geschirr in die Hütte. Am besten, er ließ sie jetzt alleine, so konnte vielleicht am ehesten Ordnung in ihre Gedanken kommen. Der kleine Drache war wirklich durcheinander – aber sie fühlte, es war ein gutes Durcheinander, das ihr auch keine Angst machte. Und so trabte sie schließlich los, Pilze suchen…

Die Ruhe des Waldes tat dem kleinen Drachen gut. Sie wanderte umher, den Blick auf den Boden gerichtet, um ja keinen Pilz zu übersehen. Gleichzeitig jagten aber die Gedanken in ihrem Kopf herum. Sie hatte geglaubt, das Bild ihres Traumes sei das Ziel, das sie finden müsse – und jetzt sagte Moya, das, was sie suche, sei immer gegenwärtig? Hieß das, ihren Traum aufgeben? Und die Katze? Würde sie die nie finden? Hm, eigentlich, wenn das Ziel ihrer Suche immer schon da wäre, dann könnte sie doch auch hier bei Moya bleiben – oder? Das wäre schön… sie könnte ihm zur Hand gehen; später vielleicht, wenn sie etwas mehr gelernt hatte, konnte sie ihm beim Zaubern helfen… der kleine Drache kam ins träumen – das war ein buntes und schönes Bild, das da vor ihren Augen stand, und ihr wurde ganz wärmelig zumute… bei Moya bleiben, Heimat haben, geborgen sein, leben… Den kleinen Drachen drängte es zur Hütte zurück – der Korb war eh schon übervoll mit Pilzen. Sie musste Moya unbedingt erzählen, was ihr da eingefallen war. Was Moya wohl dazu sagen würde? So ganz sicher war sich der kleine Drache darüber nicht… Moya stand in der Hütte und putzte Salat. Als der kleine Drache zur Tür herein polterte, warf er ihr einen freundlichen Blick zu. ,,Na, hast du was gefunden?“ fragte er – aber statt einer Antwort stellte der kleine Drache einfach den Korb auf den Tisch. ,,Na fein“, freute sich Moya, ,,das gibt ein schönes Mittagessen!“

,,Du, Moya?“, begann der kleine Drache etwas zögernd. ,,Ja?“ – ,,Sag mal… meinst du…also… könnte ich nicht einfach hier bei dir bleiben? Das ist mir halt grad so gekommen… ich mein ja nur… das wäre doch schön… ich könnte dir helfen, Pilze suchen, die Hütte in Ordnung halten, und so…“ Der kleine Drache brach ab und traute sich nicht, Moya anzusehen.

17. Dezember

Als der kleine Drache geendet hatte, schwieg Moya lang und sah sie einfach warm an. Dann fragte er leise: ,,Und warum hast du gestern Abend gesagt, du wüsstest nicht, ob du ein Drache sein willst?“ – ,,Weil“, der kleine Drache schniefte auf und blies versehentlich eine Dampfwolke vor sich hin, ,,weil ich nicht so sein mag, wie die anderen Drachen sind – ich mag nicht schrecklich sein und Angst machen, ich mag nicht alleine in meiner Höhle leben – ich will zusammen mit anderen singen und tanzen, spielen und auch traurig sein – und ich mag kein Drache mehr sein, weil Drachen nicht geliebt werden“, fügte sie ganz leise hinzu. ,,Hm“, sagte Moya nachdenklich, ,,du bist tapfer. Um die Tatsache, dass du ein Drache bist, wirst du allerdings nicht umhin können, aber da sag ich dir später etwas dazu. Ich finde es jedenfalls prima, dass du den Mut gehabt hast, aufzubrechen und deinen Traum ernst zu nehmen. Das ist nämlich sehr schwierig, weißt du. Na, jetzt guck nicht gleich wieder so traurig – aber ich möchte dir gegenüber schon offen sein. Das, was du dir vorgenommen hast, das ist schwierig, aber auch unsagbar schön und manchmal auch ganz einfach. Es heißt nicht, dass du dauernd glücklich sein wirst, ganz im Gegenteil. Leben bringt auch sehr viel Leid und Tränen mit sich, du kannst in Gefahren kommen, die du dir nie vorgestellt hättest, du kannst Verwundungen davontragen. All das kann dir auf deinem Weg begegnen, und du hast es ja auch erlebt. Aber – Leben heißt auch zu ahnen, was Freiheit ist, Unabhängigkeit, Glück, Friede – und all das in einer Dichte und Fülle, wie andere es nie spüren können“. Der kleine Drache hatte aufmerksam zugehört – und jetzt fragte sie: ,,Aber – wo find ich denn, was ich suche?“ – ,,Überall“, sagte Moya leise schmunzelnd.

Der kleine Drache legte die Stirn in tiefe Falten vor lauter Nachdenken. ,,Überall? Das verstehe ich nicht…“ – ,,Weißt du, das, was du suchst, ist an keinem Ort und an keine Zeit gebunden, es ist immer gegenwärtig“. Der Blick des kleinen Drachen wurde höchstens noch verständnisloser… Moya versuchte es noch einmal: ,,Es gibt welche, die behaupten ständig, das Glück gefunden zu haben – und sind doch unzufrieden. Andere dagegen warten und meinen, irgendwann muss das ganz große Ereignis doch kommen. Und so warten und warten sie – und stellen eines Tages erstaunt fest, dass sie unterdessen gestorben sind“. Der kleine Drache schmunzelte. ,,Ja, du lachst“, sagte Moya ernst, ,,aber ich glaube, dass viele Drachen, auch wenn sie scheinbar glücklich sind, eigentlich schon tot sind. Sie leben nur in ihren Tag hinein, ohne einmal etwas auszuprobieren oder zu riskieren. Sie geben sich mit vordergründigen Antworten zufrieden – und bleiben damit an der Oberfläche… Die wahren Schätze aber sind in der Tiefe verborgen. Und es sind solche Spinner und Träumer wie du, die sich mit der Oberfläche nicht zufrieden geben, die tiefer gehen, weiter sehen, höher fliegen wollen oder, wie du sagst, die sich auf die Suche machen – auch wenn sie manchmal gar nicht genau sagen können, was sie denn suchen. Das sind die, die immer auf dem Weg sind, offen für alles Neue – auch dann, wenn es vielleicht Angst macht – die Melodien hören, auch wenn niemand sie spielt; die weinen und glücklich sein können, weil sie eine Rose gefunden haben; die Farbe in die Welt zaubern – und ihre Träume suchen. Und all das lässt sich nicht erjagen, sondern dafür muss man offen sein – und das kann jederzeit und überall sein…“

Moyas Worte drangen ganz tief in den kleinen Drachen ein… sie spürte, dass Moya viel vom Leben verstand, dass er aber sicher oft auch schon unglücklich gewesen war…

Und als ob Moya ihre Gedanken bestätigen wollte, sagte er: ,,Leben – das ist wie ein Feuer… du kannst dir die Pfoten daran verbrennen, aber wenn du das Feuer in deinem Herzen hast, dann wirst du glücklich sein, auch wenn du traurig bist…“

16. Dezember

Ruhe kehrte ein in der kleinen Hütte am Wald – bis der erste Vogel probeweise ein Lied in das Dunkel pfiff, ahnend, dass es wohl an der Zeit wäre, Morgen zu werden…und wirklich, kurz darauf wagte sich der erste Lichtschimmer im Osten hervor und löste ein tausendstimmiges Vogelgezwitscher aus… ein leichter Morgennebel lag über dem Gras, die Tautropfen blitzten in der Sonne, und in der Hütte wurde der kleine Drache im Schlaf unruhig, um sich gähnend zu rekeln und die Augen zu reiben. Das roch so schön – und der kleine Drache riss plötzlich hellwach ihre Augen weit auf: Ihr war wieder eingefallen, wo sie war und was alles passiert war. Und während sie sich neugierig umschaute, fielen ihr die Worte ,,Moya, der Zauberer“ ein. Hm, sie kratzte sich am Kopf und beschloss, sich einmal umzusehen, wo sie hier gelandet war… Der Schlaf hatte sie erfrischt, die Wunde schmerzte nicht mehr, sie war zu neuen Taten aufgelegt – und so brachte sie ihre Pfoten in eine vernünftige Reihenfolge, richtete ihre Ohren auf und erkundete die Hütte. Was sie sah, gefiel ihr gut – Sonnenlicht drang durch viele kleine Fenster in einen großen Raum hinein, die Gardinen sahen hübsch aus, ein großer, gewebter Teppich lag da, auf dem Herd blitzten die Kochtöpfe, an der Wand hing ein Bord mit bunten Henkeltassen – alles wirkte sehr gemütlich. Wo aber war der Mann von gestern Abend? Der kleine Drache blinzelte vorsichtig um eine Ecke herum – und da schlief er, Lederjacke und Jeans ordentlich auf einen Stuhl gelegt. Ein Zauberer – und Lederjacke und Jeans? Irgendwie – der kleine Drache hatte sich Zauberer immer etwas anders vorgestellt. Verwirrt stand sie vor dem Bett und sah den Mann an. Hm, nett sah er aus, die dunklen Haare waren verwuschelt und kringelten sich an den Schläfen zu eigenwilligen Löckchen, das Gesicht sah weich aus, und der Mann lächelte im Schlaf…Plötzlich sah er den Drachen mit graublauen Augen an und sagte, als ob er die Gedanken des Drachen erraten hätte: ,,Weißt du, Zauberer sehen immer anders aus, als man erwartet, deswegen erkennt man sie häufig zu schlecht – und Jeans und Turnschuhe sind in unserem Beruf manchmal praktischer als der lange, sternbesetzte Rock,, – und dabei lächelte er den kleinen Drachen an. Seine Stimme war tatsächlich so dunkel und angenehm, wie sie der kleine Drache in Erinnerung hatte. Sie verzauberte, diese Stimme – und der kleine Drache hätte ihr andauernd zuhören mögen. ,,Na, du scheinst ja ausgeschlafen zu haben – wie wär’s mit einem ordentlichen Frühstück?“ Davon hielt der Drache eine ganze Menge, und bei dieser erfreulichen Aussicht standen ihre Ohren gleich noch ein wenig mehr in die Höhe. Bald zog ein herrlicher Duft von Kaffee und Speckeiern durch die kleine Hütte, und die Nüstern des kleinen Drachen schnupperten höchst interessiert. Die Beiden frühstückten draußen vor der Hütte, die Sonne lachte über die Wiese, und die Amsel oben auf dem Dachfirst pfiff ihr Lied in die Welt hinein. ,,Pprruu“, seufzte der kleine Drache behaglich. Jetzt schien es Moya an der Zeit, doch ein wenig mehr über seinen Gast zu erfahren. ,,Nun erzähl mal…“, sagte er und goss dem Drachen nochmals Kaffee in die große Henkeltasse. Und der kleine Drache erzählte: von ihrer Höhle und der Wiese davor, von ihrem alltäglichen Drachenpflichten, ihrem Nachdenken und ihrer Einsamkeit, von dem Traum mit den Tieren und der Katze. Und als sie schließlich bei ihrer Entscheidung war, aufzubrechen und sich auf die Suche zu machen, da beugte sich Moya noch ein wenig mehr nach vorne und hörte möglicherweise noch aufmerksamer zu, als er es vorher schon getan hatte. Der kleine Drache redete sich alles vom Herzen, ihre Unsicherheit und die Ratlosigkeit und das schlimme Gefühl, nicht verstanden zu werden. Und als sie so erzählte, kamen ihr wieder all die Begegnungen in den Kopf, die sie auf dem Weg gehabt hatte: der gelehrte Vogel und die Mäuse, das fuchtelnde Etwas und schließlich all die Tiere auf der Wiese – und der Hirsch, der sie angegriffen hatte. Es tat gut, alles einmal loszuwerden – und es tat gut, es Moya zu erzählen, der so schön zuhören konnte und einem das Gefühl gab, dass er all das Durcheinander in einem kleinen Drachenherzen gut verstehen konnte.

15. Dezember

,,Na, das scheint grad alles nicht so einfach bei dir zu sein – aber müssen wir das eigentlich hier mitten im Wald bereden?“ – ,,Nö“, sagte der kleine Drache – inzwischen war ihr fast egal, was noch passierte. Mit einem letzten Rest Anstand versuchte sie, ihr Gähnen hinter der vorgehaltenen Pfote zu verbergen. Das alles hatte sie doch ziemlich mitgenommen, aber war das ein Wunder nach all dem, was sie erlebt hatte?

Das erkannte auch der Jemand, zu dem die dunkle Stimme gehörte, und er schlug vor: ,,Hör zu, meine Hütte ist nicht weit von hier. Ein Bett kann ich dir zwar nicht anbieten, aber an so etwas scheinst du auch nicht gewöhnt zu sein… ein schönes Heulager hätte ich und auch etwas zu essen, wenn du magst.“ Essen – die Sinne des kleinen Drachen belebten sich. Erst jetzt fiel ihr auf, wie lange sie vor lauter Aufregung nichts mehr gegessen hatte – und sofort knurrte ihr Magen so unüberhörbar laut, dass ihr Gegenüber herzlich lachte. ,,Also, komm mit“, sagte er und ging los, das Licht in der Hand – und der kleine Drache stolperte hinter ihm her. Es war wirklich nicht mehr sehr weit… nach zwei oder drei Biegungen (sie war einfach zu müde zum Zählen) zeichnete sich eine kleine Hütte gegen den Nachthimmel ab, der Mann öffnete die Tür, stellte das Licht auf einen Tisch und schürte das Feuer, das in einem Kamin glimmte. Er legte einige Scheite Holz darauf, und schnell umfing ein warmes Licht und knackende Wärme die Beiden, die sich nun das erstemal richtig musterten. Zu der dunklen Stimme gehörte ein kleiner Mann, mit Jeans und abgewetzter Lederjacke, einem braungebrannten Gesicht mit vielen Lachfältchen darin, herzlich dreinschauenden Augen und vertrauenerweckenden Händen – und irgendwie, der kleine Drache mochte ihn sofort, so wie sie seine Stimme schon gemocht hatte.

,,Oh“, sagte der Mann erstaunt, ,,du bist ja verwundet – komm, zeig mal.“ Er sah sich die Wunde näher an und meinte dann: ,,Wart, da hab ich was“. Er holte einen kleinen Topf mit einer gut riechenden Salbe hervor, wusch vorsichtig das Blut um die Wunde herum ab, strich die Salbe darauf und legte einen Verband darum. ,,So“, sagte er, ,,jetzt braucht es nur noch Zeit zum heilen.“ Die Salbe kühlte herrlich, und die behutsamen Hände des Mannes hatten dem kleinen Drachen gut getan. Fast hatte sie das Gefühl, dass die Schmerzen schon nachließen.

,,Ich mach uns was zum Essen“, sagte der Mann, ,,ich hab nämlich auch Hunger.“ Er deckte mit raschen Händen einen derben Holztisch, holte Brot, kalten Braten und gezuckerte Erdbeeren herbei und stellte eine Flasche Wein dazu. Und dabei entschied er sich, seinem ungewöhnlichen Besucher erst morgen all die Fragen zu stellen, die ihn interessierten, heute Abend würde er ja doch keine vernünftige Antwort mehr bekommen. Nur noch mühsam hielt sich der kleine Drache aufrecht, fast schlief sie am Tisch schon ein, und einmal konnte der Mann das Weinglas nur mit einem raschen Griff vor dem Herunterfallen retten, weil der Drache einfach zu müde war, um ihre Pfoten noch in die Höhe zu bekommen. Und schließlich verriet ihm ein gleichmäßiges Pusten, dass der Drache tatsächlich eingeschlafen war. Der Mann tippte sie an die Schulter, rüttelte sie – aber erst seine warme Stimme erreichte den kleinen Drachen, als sie sagte: ,,Komm, ich zeig dir dein Lager.“ Und im Halbschlaf fragte der kleine Drache noch: ,,Wer bist du eigentlich?“. Die dunkle Stimme lachte und sagte: ,,Ich bin Moya, der Zauberer“ – aber da war der kleine Drache auf dem süß duftenden Heulager schon wieder eingeschlafen, und die Worte des Mannes drangen nur noch in ihre Träume hervor.